Der 110% Bonus

Um die niederliegende Wirtschaft anzukurbeln, hat der Gesetzgeber im Zuge des Dekrets zur Wiederbelebung der Wirtschaft („Decreto rilancio“) einen Steuerabsetzbetrag in Höhe von 110% für energetische Baumaßnahmen eingeführt, welche im Zeitraum 01.07.2020 bis 31.12.2021 durchgeführt werden.

Ein Steuerabsetzbetrag in Höhe von 110% bedeutet in Zahlen ausgedrückt, dass angesichts von Umbaumaßnahmen in Höhe von 100.000 Euro der Steuerzahler Steuerabsetzbeträge von insgesamt 110.000 Euro verwenden darf, also mehr, als der Umbau effektiv gekostet hat. In anderen Worten ausgedrückt zahlt der Staat einem die Umbaumaßnahmen zur Gänze und noch 10% drauf – ein großzügiges Steuergeschenk!

Beim 110%- Bonus handelt es sich um einen neu eingeführten Absetzbetrag, der sich zu den verschiedenen Maßnahmen gesellt, welche Steuerabsetzbeträge vorsehen, wie z.B. der 50%- Bonus für Wiedergewinnungsarbeiten, die energetischen Sanierungen mit Anwendung eines Absetzbetrages zwischen 50% und 65 % sowie des Fassadenbonus (90%). Es ist möglich, die verschiedenen Maßnahmen sogar untereinander zu kumulieren und zu kombinieren, weswegen der Steuervorteil und die entsprechenden Einsparmaßnahmen für die Steuerzahler sehr hoch und dementsprechend interessant sein können.

Die geförderten Arbeiten

In den Anwendungsbereich des neuen Absetzbetrages von 110% fallen die folgenden Arbeiten:
 
  • Wärmedämmungsmaßnahmen an der Fassade und an den Dächern, sofern die entsprechenden Arbeiten eine Oberfläche von mehr als 25% der Außenhülle betreffen.  Der Steuerabsetzbetrag steht bis zu einem Maximalbetrag von 60.000 Euro pro Baueinheit zu. Hat ein Gebäude somit mehrere Einheiten, multipliziert sich der Vorteil. Die eingesetzten Isoliermaterialen müssen bestimmte technische Mindestauflagen erfüllen;
  • Maßnahmen für den Austausch der Heizanlage mit neuen Brennwertkesseln mit Energieklasse A, Wärmepump- und Geothermieanlagen sowie Mikro-Kraft-Wärme-Koppelungsanlagen. Der Steuerabsetzbetrag steht bis zu einem Maximalbetrag von 30.000 Euro pro Baueinheit zu, wobei auch die Entsorgungskosten der alten Anlage berücksichtigt werden können;
 
Zusätzlich fallen alle anderen energetischen Sanierungsmaßnahmen, welche bis dato im Normalfall den Steuerabsetzbetrag zwischen 50% und 65% erhalten haben, in den Anwendungsbereich des erhöhten Steuerabsetzbetrages in Höhe von 110%, sofern die baulichen Maßnahmen zusammen mit einer der beiden vorab erwähnten Baumaßnahmen (Wärmedämmungsmaßnahmen oder Austausch der Heizanlage) durchgeführt werden. Für die sonstigen energetischen Maßnahmen gelten die normalen Schwellenwerte, die das Gesetz für die entsprechende Sanierungsmaßnahme vorsieht.

Des Weiteren fallen auch die Kosten von Photovoltaikanlagen und die Kosten für die Installation von Elektroladestationen in Privathäusern in den Anwendungsbereich des Absetzbetrages in Höhe von 110%, sofern diese zeitgleich mit einer der beiden erwähnten Baumaßnahmen durchgeführt wird. Um ein Beispiel zu machen: wer z.B. nur die Fenster austauscht, erhält einen Steuerabsetzbetrag in Höhe von 50% - wer hingegen die Fenster austauscht und zeitgleich Wärmedämmungsmaßnahmen unternimmt, erhält für beide einen Steuerabsetzbetrag in Höhe von 110%.
Auch Erdbebensicherungsarbeiten werden mit 110% gefördert.

Voraussetzungen

Voraussetzung für die Inanspruchnahme der Steuerbegünstigung ist, dass durch die energetische Baumaßnahme eine Verbesserung der Energieklasse von mindestens zwei Stufen erreicht wird, oder alternativ die höchste Energieklasse.

Wer darf den Bonus anwenden

Den 110%-ige Steuerabsetzbetrag darf von folgenden Subjekten angewandt werden:
 
  • Kondominien;
  • Privatpersonen;
  • Vom Institut für sozialen Wohnbau;
 
Unternehmen, Unternehmer und Freiberufler sind hingegen ausdrücklich von jenen Subjekten ausgeschlossen, welche die neue Begünstigung anwenden dürfen.

Privatpersonen dürfen den neuen Steuerabsetzbetrag grundsätzlich immer anwenden, sofern es sich um die Erstwohnung handelt, egal ob es sich hierbei um ein alleinstehendes Einfamilienhaus oder um eine Wohnung in einem Kondominium handelt. Bei den Zweitimmobilien muss hingegen unterschieden werden: Handelt es um ein alleinstehendes Einfamilienhaus, so darf der Bonus nicht angewandt werden. Handelt es sich hingegen um eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus, so ist der neue Steuerabsetzbetrag anwendbar.

Zeitlicher Anwendungsbereich

Die Umbaumaßnahmen müssen im Zeitraum vom 01.07.2020 bis 31.12.2021 abgeschlossen werden. Bei Privatpersonen zählt das Kassaprinzip, sprich muss man auf den Moment schauen, in dem die Arbeiten bezahlt werden. Fällt die Überweisung in den genannten Zeitraum, fallen die Arbeiten in den Anwendungsbereich der Begünstigung, unabhängig davon, wann diese begonnen wurden.

Die Dauer

Der Steuerabsetzbetrag in Höhe von 110% muss innerhalb von fünf Jahren mit gleichbleibenden Raten aufgeteilt werden - im Vergleich zur Dauer den normalen Umbau und Energiemaßnahmen, welche über einem Zeitraum 10 Jahren abgesetzt werden müssen, reduziert sich die Dauer somit auf die Hälfte.

Die kurze Dauer ist Fluch und Segen zugleich: wer hohe Steuern zahlt, für den bedeutet der kürzere Absetzungszeitraum einen zusätzlichen Vorteil, weil man den Bonus schneller einholt. Bei geringeren Einkommen kann es hingegen vorkommen, dass der Steuerabsetzbetrag höher ist als die fällige Steuer – den Überschussbetrag droht man in einem solchen Fall zu verlieren.

Abtretung möglich

Um dem zuvorzukommen, sieht das Gesetz alternativ zur direkten Nutzung die Möglichkeit vor, den Steuerabsetzbetrag entweder an Dritte abzutreten oder direkt als Abschlag auf den Rechnungsbetrag in Anspruch zu nehmen. Dies gilt nicht nur für die Arbeiten, für die der 110%-Bonus angewandt wird, sondern auch für die Wiedergewinnungsarbeiten (50%) und jene für den Fassadenbonus (90%).

Es handelt sich um eine interessante Option für Personen, die über nur ein geringes Einkommen, oder nur über steuerfreies Einkommen (z.B. Einkommen aus landwirtschaftlicher Tätigkeit) oder nur über ersatzbesteuertes Einkommen (z.B. Einkommen aus Finanzvermögen, Anwendung der Pauschalbesteuerung für Kleinstunternehmen) verfügen und daher den Bonus nicht direkt in der Steuererklärung in Anspruch nehmen können.

Die Abtretung des 110%-Bonus verlangt leider die Anwendung eines recht aufwändigen Verfahrens, in Rahmen dessen sowohl die technischen Daten von einem befähigten Techniker (z.B. Geometer, Architekt, Ingenieur) als auch die wirtschaftlichen Daten von einem Steuerberater bestätigt werden müssen (mit entsprechender Haftung und dementsprechender Versicherungspflicht).

Die operativen Details zur Abtretung müssen noch mit einer Durchführungsbestimmung geklärt werden.

Da es sich um ein Gesetzesdekret handelt, könnte es im Zuge der Umwandlung noch zu Änderungen kommen: laut Presseberichten wird z.B. daran gearbeitet, den Anwendungsbereich auf alle Zweitwohnungen zu erweitern. Dennoch kann man bereits jetzt sagen, dass das Maßnahmenpaket eine einmalige steuerliche Gelegenheit darstellt, welche es zu nutzen gilt.

Sie haben noch Fragen? Wir haben die Antworten! Sie finden uns unter der Nummer 0473 565000 oder unter info@gspeo.com.
 
Dr. Gert Gasser
Steuerberater und Wirtschaftsprüfer Dr. Gert Gasser

Mitteilungen

loading...

Bleiben Sie informiert!